Mnemosyne in Urnäsch

11. Januar 2014

Poster_Urnaesch

Die Mnemosyne bei den Silvesterkläusen in Urnäsch

Vom 17. Oktober bis zum 17. November 2013 waren 31 Tafeln der Rekonstruktion des Bilderatlas von Aby Warburg in St. Gallen im Kulturraum zu sehen, etwa die Hälfte des großen Werks, das der Hamburger Kulturhistoriker in seinen letzten Lebensjahren entwicket und im Herbst 1929 kurz vor seinem Tod noch einmal ganz neu durchgeformt hatte. Während der ersten drei Tage der Ausstellung stellte der 8. Salon in einem Crashkurs für Bilderfahrzeuge und Planetenkinder alle Tafeln Schritt für Schritt vor. Das Schweizer Publikum erhielt erstmals Einblick in ein Instrument der Erkenntnis und Wissensvermittlung, das Warburg zwar unvollendet hinterlassen hat; es war allerdings – und ist immer noch – als eine ungewöhnlich moderne Erfindung zu erkennen, in der Kunst- und Bildwissenschaft leider eine Ausnahme, weshalb es wohl so selten angesehen wird und weitgehend unerforscht blieb. Der Crashkurs hatte sich in St. Gallen bis zu den berühmten Bildern von Botticelli bewegt (Tafel 39) und wird am 11. Januar 2014 in einer Schleife durch das Appenzeller Land fahren. Zwei Tage vor dem alten Silvestertag (am 13. Januar), der sich mit Masken, Tanz und Rausch zu einem unberechenbaren Fest steigert, baut der 8. Salon im Brauchtumsmuseum von Urnäsch acht Tafeln auf, die dann an Ort und Stelle ausführlich besprochen werden.

Zur Orientierung über die Anlage des gesamten Atlas sind noch einmal die Tafeln B und C zu sehen, nicht zuletzt weil Warburg auf diesen beiden „Grundlagetafeln“ den Blick schon ein wenig in den Norden lenkt. Im Zentrum aber steht der starre ideologische Kosmos, der den Menschen im Mittelalter einfasst, seine unmittelbar körperliche Verbindung zu den Göttergespenstern – eine Bindung, die das Tragen von Masken und den Prozess der Symbolsetzung in besonderer Weise betrifft. Außerdem werden zwei Tafeln gezeigt, die zwar in St. Gallen schon vorgestellt worden waren, nun aber wieder einebzogen werden sollten, da sie explizit vom Karneval handeln: die Tafel 32 hatte Warburg als Forum eines turbulenten Geschlechterkampfes aufgemacht. Das Zwischenreich der „verkehrten Welt“ konnte auch im Norden die höfische Etikette aus ihrer Form bringen. Die Tafel 38 rekonstruiert dann, wie Elemente des Karnevals aus dem Norden bei Künstlern in Florenz ihre Resonanz finden. Das Zerren an den schweren Kleidern der französischen Mode vermischt sich mit den Spielen auf den legendären Festen, die von den Medici im Stadtraum ausgerichtet wurden, Schauplatz des Werbens um die Zuneigung einer Frau, der Konflikte zwischen freier erotischer Bewegung und sittenstrenger Zurückhaltung. Warburg kann auf dieser Tafel sichtbar machen, dass die Durchsetzung der Antike mitten durch die Ordnung des gesellschaftlichen Lebens geht. Auf ihren Grenzen und gegen ihre Trennungen agiert die Wiederbelebung der verschütteten Kunst, aktiviert ein Reservoir dynamischer Spannungen, das in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Norditalien die herrschende Bildwelt in Frage stellt.

Im Hauptteil der Veranstaltung geht es um die Tafeln 40, 41, 41a und 42, womit das Vortragsprogramm genau dort fortgesetzt wird, wo es im Kulturraum abgeschlossen worden war. Die vier Tafeln begleiten im Atlas den Übergang von Botticelli zu Ghirlandajo, wirken gleichzeitig aber als Zwischenbilanz, eine kurze Rückbesinnung auf die Frage, wie Figuren und Werke der Antike in Italien allmählich ihre Bedeutung und künstlerische Wirkung wiederfinden. Was auf den Tafeln 4 bis 8 noch in der Spätantike betrachtet worden war, rekonstruiert Warburg nun als Entwicklung aus dem Spätmittelalter in die Frührenaissance, mit denselben Figuren: da tritt die legendäre Medea auf, Hexe oder Heldin einer gespenstischen Liebesgeschichte; da ist Orpheus als das tragische Pendant, der Mann im Todeskampf, eingekreist von den rasenden Mänaden; da erscheint schließlich der Laokoon als die Konfliktfigur schlechthin: ist das berühmte Werk tatsächlich nur – wie Winckelmann es sehen wollte – Ausdruck „edler Einfalt und stiller Größe“ oder manifestierte sich in der Marmorgruppe ein dramatisches Lebensgefühl, das mit dem Bild des christlichen Körpers und der Herrschaft ihres Schmerzensmannes nicht mehr vereinbar war (Tafel 42). Die ganze Ambivalenz der Kräfte und Energien, die eine Pathosformel durchziehen, Klage oder Triumph, Entsetzen oder Rausch, wird in diesen vier Tafeln ausgebreitet.

Zur Veranstaltung in Urnäsch wird die inzwischen nicht mehr greifbare Baustelle 7 (mit Kommentaren zu den Tafeln 40, 41, 41a und 42) in einer leicht veränderten Form wieder herausgebracht.